Lorenz Graitl

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Email: lorenz.graitl (at) hu-berlin.de
 
Dissertation (abgeschlossen):

Titel:
Sterben als Spektakel. Zur kommunikativen Dimension des politisch motivierten Suizids.

Betreuer:
Prof. Dr. Helgard Kramer, Institut für Soziologie, Freie Universität Berlin
PD Dr. Rolf-Dieter Hepp, Institut für Soziologie, Freie Universität Berlin

Abstract:
In seiner Studie „Der Selbstmord“ behandelt Émile Durkheim den altruistischen Suizid als archaisches Relikt, das charakteristisch für vormoderne Gesellschaften und fehlende Individualisierung sei. Betrachtet man die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, so fällt allerdings auf, dass Opfersuizide in der modernen Welt keineswegs verschwunden sind, sondern sogar zahlreiche neue Formen angenommen haben. Seit den sechziger Jahren verbrannten sich hunderte Menschen selbst, führten einen Hungerstreik bis zum Tode oder löschten ihr eigenes Leben – und das vieler anderer – durch eine Explosion aus. Wie lässt sich der Aufstieg solcher Phänomene, insbesondere das dramatische Anwachsen von Suizidanschlägen in den letzten Jahren, erklären? Sind sie wirklich Ausdruck eines „primitiven Bewusstseins“ oder nicht vielmehr das Resultat fortschreitender Modernisierung? Ein zentraler Aspekt zur Erklärung altruistischer Selbsttötungen in der Gegenwart scheint jedenfalls die Etablierung einer globalen Mediengesellschaft zu sein. Waren so etwa die buddhistischen Mönche und Nonnen, die sich während des Vietnamkriegs selbst verbrannten, noch darauf angewiesen, dass ausländische Reporter über sie berichteten und Fotografien ihres Protests veröffentlichten, sind Organisationen wie Hisbollah und Hamas heute selbst zu Medienproduzenten geworden. Ihre „Propaganda des Todes“, sei es in Form von Videotestamenten der Selbstmordattentäter oder durch Filmaufnahmen der Anschläge, wird oft schon wenige Stunden nach der Tat im Fernsehen gesendet oder ist im Internet abrufbar. Indem sie sich auf diese Weise der Weltöffentlichkeit präsentieren, treten sie mit westlichen Medien in Konkurrenz um politische Deutungshoheit.

Studium/Forschungstätigkeit

Seit 10/2013 Postdoctoral Fellow der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies (BGSMCS)

10/2006-04/2011 Promotion am Institut für Kultursoziologie und Historische Anthropologie an der Freien Universität Berlin

10/2000-02/2006 Studium der Ethnologie, Soziologie und Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Veröffentlichungen

04/2012 Sterben als Spektakel. Zur kommunikativen Dimension des politisch motivierten Suizids. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. (Herausgegeben von der Sektion Religionssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie).

11/2009 ‚The dead do not lie‘. Zur Bedeutung des Todes im politisch motivierten Suizid im 20. und 21. Jahrhundert. In: Historical Social Research, Nr. 34.4. 

05/2009 Sri Lanka: Why? Selbstverbrennungen als Mittel des Protests. In: Blätter des Informationszentrums Dritte Welt (iz3w), Nr. 312, S. 6.

06/2006 Massen, Mörder, Märtyrer. Zur Sozialpsychologie von Selbstmordattentaten. In: Blätter des Informationszentrums Dritte Welt (iz3w), Nr. 293, S. 10-13.

Vorträge

03/2013 Selbsttötung als Heroismus? Zur Rechtfertigung und scheinbaren Legitimität von Selbstmordattentaten (Urania Berlin e.V.).

01/2013 Selbsttötung als Spektakel – Zur Geschichte und Motivlage von Selbstverbrennungen und Selbstmordattentaten (Urania Berlin e.V.).

03/2012 „So we’re not actually targeting civilians“. Suizidattentate und der Diskurs über die Wahl legitimer Ziele (Workshop Netzwerk Terrorismusforschung, Universität Mainz)

10/2011 Criminal Martyrs: The peril and power of self-sacrifice. (Konferenz „Death and Dying in 18th-21st century Europe“, Universität Alba Iulia/Rumänien).

05/2011 „So I decided to sacrifice my life“. Representing politically motivated suicide. (Konferenz „The Root Causes of Terrorism. A Religious Studies Perspective“, Universität Leiden/Niederlande).

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