Bericht zum 5. Workshop des Netzwerk Terrorismusforschung (26.-27.06.2009, Erfurt)

Bericht des fünften Workshops

Am 26. und 27. Juni 2009 fand in Erfurt der fünfte Workshop des Netzwerk Terrorismusforschung statt. Neben den aufgeführten Projektvorstellungen wurde am ersten Abend im Tagungsraum des „Internationalen Begegnungszentrums“ der Universität Erfurt die „Interessengemeinschaft Netzwerk Terrorismusforschung“ gegründet.

Vorträge

Der Filmwissenschaftler Bernd Zywietz (Universität Mainz) stellte sein Dissertationsprojekt „Terrorismus im Film – Bestimmung eines Phänomens über seine Repräsentation“ vor. Spielfilme zum Terrorismus als eine Gewaltstrategie wie auch eine „Erzählung“ werden darin auf ihre unterschiedlichen Funktionen und Kontexte hin untersucht, um zu klären, was Filme über die jeweilige Gesellschaft bzw. ihre Interpretation und Verarbeitung von jeweiligem Terrorismus aussagen können. Auf der Suche nach einem Über-Genre „Terrorismusfilm“ werden u.a. die Terroristen-Figuren, Standardsituationen und Einzelgenres untersucht wie auch Filme gemäß den jeweiligen Konflikten wie den nordirischen „troubles“, dem palästinensischen und islamistischen Terrorismus im Hollywoodkino oder der politischen Gewalt im populären indischen Hindi-Film. Im Vergleich vor allem der letzten beiden Kinematographien erläuterte Zywietz, wie markante Unterschiede in der Freund-Feind-Zeichnung u.a. auf spezifische Problemlagen, Nationalhistorie und -selbstverständnis zurückgeführt werden können.

Daniel Meßelken (Universität Leipzig) stellte einen Teil seiner Dissertation vor, die sich mit der Frage der moralischen Legitimität kollektiver Gewaltanwendungen wie z.B. Terrorismus befasst. In seinem Vortrag “Gewalt als Verletzung moralischer Rechte” referierte er bestehende philosophische Ansätze zur Definition von Gewalt und präsentierte anschließenden eine eigene Definition interpersonaler Gewalt. Diese versteht (i) die Verletzung basaler moralischer Rechte als zentralen Aspekt gewaltsamen Handelns, (ii) möchte die Opferperspektive stärken indem auch dem Täter lediglich zurechenbare Schädigungen als Gewalt verstanden werden und (iii) soll den Vergleich verschiedener Formen von Gewalt ermöglichen.

Magdalena Kirchner (Universität Heidelberg) stellte ihr Dissertationsprojekt mit dem Arbeitstitel “Staatliche Terrorismusförderung im Nahen Osten – ein sicherheitspolitisches Merkmal der Region?” vor, dessen Gegenstand die Unterstützung nichtstaatlicher und transnationale agierender Gewaltakteure durch nah- und mittelöstliche Staaten vom Ende des Sechs-Tage-Kriegs 1967 bis zum Gaza-Krieg 2008/09 ist. Im Zentrum der Arbeit steht die Frage, inwieweit die staatliche Förderung terroristischer Organisationen ein außenpolitisches Instrument darstellt, um andere Staaten zu schwächen und in ihrem Verhalten zu beeinflussen. Welcher außenpolitische Nutzen ist mit der Förderungsaktivität verbunden und welche Funktionen staatlicher Außen- und Sicherheitspolitik können diese Verbindungen
sowohl gegenüber den unmittelbaren Zielstaat und darüber hinaus erfüllen? Da die Anwendung einer solchen Strategie im Nahen und Mittleren Osten wesentlich häufiger zu beobachten ist als in anderen Teilen der Welt, soll in einem zweiten Schritt auch untersucht werden, inwieweit regionale Kontextfaktoren entsprechende Anreize darstellen. Eine große Herausforderung für das Projekt – und das spiegelte sich auch in der anschließenden Diskussion wieder – ist neben einem erwartungsgemäß schwierigen Quellenzugang die hochgradige Politisierung vorhandener Daten und des von der wissenschaftlichen Debatte nahezu vollständig abgekoppelten Diskurses in der außenpolitischen Arena.
Darüberhinaus kann das Dissertationsprojekt auch zur Weiter- und Fortentwicklung theoretischer Modelle und Erklärungskonzepte in den Internationalen Beziehungen beitragen, die bisher noch nicht systematisch auf das Forschungsfeld staatliche Terrorismusförderung angewandt worden sind.

Matenia Sirseloudi (Augsburg, Soziologie) stellte ihre Untersuchung zu externen Radikalisierungsfaktoren in der Diaspora vor. Im Papier wurde der Einfluß externer Konflikte auf die Radikalisierungsprozesse in drei Milieus nachgezeichnet: Terroristen, Islamisten und vulnerable Jugendliche. Innnerhalb dieser unterschiedlich radikalisierten Milieus erfüllt der Bezug auf externe Konflikte unterschiedliche Funktionen,

Bernhard Blumenau stellte sein Promotionsprojekt am Genfer Graduate Institute of International and Development Studies vor. In diesem untersucht er die außenpolitischen Reaktionen der Bundesregierung auf den internationalen Terrorismus in dern 1970ern. Dabei soll es darum gehen, in einem ersten Teil, die ad-hoc-Reaktionen der Bundesregierungen auf spezifische Krisen zu untersuchen, so etwa diverse Lufthansa-Entführungen (1972, 1977) und die Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm 1975. Ziel ist es, zum Einen, diese Ereignisse historisch aufzuarbeiten, und zum Anderen, die Entwicklungen in den jeweiligen Strategien zu analysieren. War die Bundesregierung in den Krisen im Jahr 1972 noch passiv und reaktiv, gab sie bei der Entführung der “Landshut” 1977 entscheidend den Ton an und bestimmte durch die Reisediplomatie von Wischnewski, wie auch durch die aktive Telefondiplomatie Helmut Schmidts entschieden den Ablauf der Krise. In diesem Sinne war die Geiselnahme 1975 der Wendepunkt. In einem zweiten Teil sollen dann multilaterale Initiative und Strategien der Bundesregierung in den Vereinten Nationen (diverse VN-Konventionen ) und im Europarat behandelt werden.

Gudrun Schwibbe und Meike Bährens (Georg-August-Universität Göttingen) stellten das DFG-Projekt „Narrative Identitätskonstruktionen – Alteritätskonstituierungen in Selbstdarstellungen von ehemaligen Mitgliedern linksterroristischer Gruppierungen“ vor. Ihre Ausführungen bezogen sich zum einen auf die theoretische Verankerung und die Ziele des Projekts, zum anderen auf die Auswertung der Quellen, d.h. Biografien und Interviews ehemaliger Mitglieder der RZ, der RAF und der „Bewegung 2. Juni“. Auf der Basis eines mehrdimensionalen Kategoriensystems zur Erfassung personaler und kollektiver Alteritäten werden die narrativen Selbstdarstellungen passagenweise codiert und die Codierungen in eine Datenbank überführt. Wie erste Ergebnisse deutlich machten, ermöglicht die darauf aufbauende Analyse von Alteritätserfahrungen zum einen dichte Beschreibungen in Form von „case studies“; zum anderen Vergleiche im Kontext bestimmter biografischer Stationen oder diskursiver Themen sowie die Untersuchung von Gender-Aspekten.

Svea Bräunert (Humboldt-Universität zu Berlin) wandte sich in ihrem Vortrag Terrorismus, Film und Erinnerung: Überlegungen zu Uli Edels ‚Der Baader Meinhof Komplex’ (2008) der Frage zu, inwiefern der Film spezifische Zuschauerpositionen generiert, um Erinnerungen an die Rote Armee Fraktion (RAF) in die Gegenwart zu transportieren. Eine besondere Rolle spielten hierbei die Medienbilder, die als Archivaufnahmen aus den 1960er- und 1970er-Jahren und als gegenwärtiges reenactment in Szene gesetzt werden. Indem Bräunert die unterschiedlichen Formen der Mediatisierung und Rahmung dieser Film- und Fernsehbilder nachzeichnete, machte sie deutlich, dass der Baader Meinhof Komplex nicht nur die enge Bindung von Terrorismus und Massenmedien unterstreicht, sondern auch zu einer Aktualisierung und gleichzeitigen Historisierung von Erinnerung im Gestus des „cinema of consensus“ (Rentschler) beiträgt.

In seinem Vortrag stellte Marten Düring sein Dissertationsprojekt über Hilfsnetzwerke für verfolgte Juden im Nationalsozialismus vor. Dabei konzentrierte er sich auf das Potential der Sozialen Netzwerkanalyse als Methode zur Beschreibung und Auswertung von komplexen informellen Beziehungen. Ausgehend von der Frage „Wie funktionieren illegale, konspirative Netzwerke?“ stellte er Kategorien zur Erfassung von sozialen Beziehungen und Hilfsaktivitäten vor. Ziel des Projekts ist es, das Zusammenspiel und ggf. die wechselseitige Abhängigkeit von sozialen Beziehungen, geleisteter Hilfe und individuellen Beweggründen zu rekonstruieren. An zwei Beispielen zeigte er, wie unterschiedliche Beziehungsarten auch graphisch dargestellt werden können. Dabei verwies er insbesondere auf die hohe Relevanz scheinbar randständiger Akteure und die Veränderungen von Hilfsleistungen im Verlauf eines Jahres im Zuge der Verschärfung der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik.

Der Vortrag von Franziska Ehinger (Martin-Luther-Universität Halle) befaßte sich mit terroristischen Verhaltensmustern bei Einzelgängern von Friedrich Schiller (Wilhelm Tell), Heinrich von Kleist (Michael Kohlhaas) und Theodor Fontane (Grete Minde). Ausgangspunkt der Überlegung war, daß die klassische deutsche Ästhetik, deren wichtigster
Verteter Schiller ist, sich in Opposition zum “terreur” der französischen Revolution entwickelte. Interessant ist es deshalb, Charaktereigenschaften und Verhaltensmuster von Figuren zu untersuchen, die im Grunde gegen das ästhetische Programm sind, aber Sympathieträger. Als problematisch erwies sich, wie zu erwarten war, die Definition/Selektion dieser terroristischen Merkmale, die Empiriker (Historiker, Politikwissenschaftler) vernachlässigen können, die aber für den Literaturwissenschaftler notwendig ist. Weitere Fragen, die sich aus dem Vortrag ergaben, sind: Ist der Terrorismusbegriff überhaupt sinnvoll anzuwenden auf die Literatur vor 1800? Wie hängen die terroristischen Motive mit Gattungsmerkmalen zusammen?  Inwiefern werden die großen Themen, die das Phänomen des Terrorismus mit sich bringt, unter anderen Etiketten bereits abgehandelt?

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