Bericht zum 2. Workshop des Netzwerk Terrorismusforschung (18.-19.01.2008, Kassel)

Bericht des zweiten Workshops

Auf dem zweiten Workshop für NachwuchswissenschaftlerInnen in der Terrorismusforschung des Netzwerk Terrorismusforschung, der vom 18.-19. Januar 2008 an der Universität Kassel mit freundlicher Unterstützung des Kasseler Internationalen Graduiertenzentrums Gesellschaftswissenschaften KIGG stattfand, wurden verschiedene Forschungsprojekte vorgestellt und angeregt diskutiert. Die Fragestellungen, Problembearbeitungen und Lösungsansätze aus dem Themenbereich Terrorismus entstammten auch diesmal einer breiten Auswahl an Disziplinen. Der Workshop wurde von den Teilnehmern als äußerst gewinnbringend bewertet.

Außerhalb der Diskussionen über die Forschungsprojekte wurde über mögliche Entwicklungsperspektiven des seit etwa einem Jahr bestehenden und mittlerweile über 150 Mitglieder umfassenden Netzwerkes debattiert. Verschiedene Ideen wurden angeregt. Sie sollen auf dem nächsten Workshop mir den notwendigen Hintergrundinformationen, die bis dahin zusammengetragen werden, weiter diskutiert und ausgearbeitet werden.

Unter anderem haben sich die Teilnehmer dafür ausgesprochen, sich weiterhin im Halbjahresrhythmus zu Workshops zu treffen. Der nächste Workshop soll im Juli 2008 in München stattfinden.

Vorträge

Im ersten Vortrag mit dem Titel “Terrorismus oder Transformation? – Existiert dieser Zusammenhang und wie lässt er sich belegen? ” stellte Jens Taken (Universität Münster) sein Dissertationsprojekt vor, in dem er sich mit den Entstehungsgründen des transnationalen islamistischen Terrorismus befasst. Er prüft darin die in der Literatur über die Entstehungsgründe des Terrorismus oft zu lesende These, dass der Terrorismus in vielen islamischen Ländern begründet liegt in der Frustration ihrer Bevölkerungen, aufgrund oftmals gescheiterter Modernisierungen, der schlechten wirtschaftlichen Situation sowie den mangelnden Möglichkeiten politisch partizipieren zu können. Dazu werden verschiedene Länder aus der erweiterten MENA-Region (Middle East North Africa zuzüglich Afghanistan und Pakistan) daraufhin untersucht, welche Folgen Modernisierungsversuche, Globalisierungsprozesse und Transformationsdruck auf ihre politische und wirtschaftliche Verfasstheit haben. Darauf aufbauend soll mit Hilfe einer Synthese verschiedener theoretischer Konzepte (collective action theory, Theorie sozialer Bewegungen, Religion und Gewalt) die Aussagekraft der eingangs formulierten These überprüft werden.
 
Ausgehend von der Prämisse, dass mittels Sprache soziale Realität nicht nur erfasst wird, sondern dass Sprache einer Form sozialen Handelns entspricht, mit der einerseits die Bedeutung des Begriffes und andererseits soziale Realität (re-) produziert wird, fragte der Beitrag “Terrorismus in der internationalen Politik – Der Gebrauch des Begriffes als Bedingung für soziale Herrschaft von Mathias Buhtz (Universität Magdeburg), mittels welcher Sprachpraktiken in Wissenschaft und Politik über Terrorismus gesprochen wird und welche Bedeutungsdimensionen darüber (re-) produziert werden. Unter Rückgriff auf den regelorientierten Konstruktivismus Onufs verdeutlichte er zudem, welche Formen sozialer Beziehungen darüber vermittelt und wie sodann Vorteile und Handlungschancen ungleich verteilt werden. Dabei zeigte der Beitrag, dass der Gebrauch des Begriffes Terrorismus als Bedingung für die Einführung oder Verschärfung nationaler Gesetze, als Bedingung für eine vermehrte Kooperation und als Bedingung für die Praktik der militärischen Intervention fungiert. Über diese Praktiken werden sodann bürgerliche Freiheiten eingeschränkt, Sicherheit erhöht und der demokratische Nationalstaat in seiner Rolle gestärkt.
 
Unter dem Titel Bild dir deine Meinung: Metaphern und die Konstruktion von Terrorismus in den Medien” sprach Alexander Spencer (LMU München) über die diskursive Konstruktion von Al Qaeda in der Boulevard-Presse wie der Bild Zeitung nach 9/11. Mithilfe von Metapheranalyse ging er der Frage nach, ob sich die Konstruktion der Al Qaeda im öffentlichen Diskurs – wie er sich in der Bild widerspiegelt – verändert. In seiner Analyse konzentrierte er sich dabei auf jeweils eine Periode von vier Wochen nach den Terroranschlägen in New York und Washington, Madrid und London. Ausgehend von den Annahmen, dass Medien ein zentraler Ort sind, an dem der Akteur des Terroristen konstruiert wird, und dass unser Bild des Terroristen maßgeblich davon abhängt, wie er in den Medien dargestellt wird, argumentierte er, dass uns die metaphorische Konstruktion von Al Qaeda im öffentlichen Diskurs Aufschluss darüber geben kann, weshalb Deutschland auf eine bestimmte Weise auf den Terrorismus reagiert. Die Analyse ergab u.a., dass die Benutzung spezifischer Metaphern den Einsatz bestimmter Gegenmaßnahmen ermöglicht, während sie gleichzeitig andere Mittel der Bekämpfung von vornherein ausschließt.
 
Michael Hörter (Wissenschaftlicher Referent am Institut für Theologie und Frieden in Hamburg und Doktorand im Fach Politikwissenschaft an der Universität Tübingen) warf in seinem Vortrag “Terrorismusbekämpfung als ethische Herausforderung” die Frage nach einer ethisch verantwortbaren Terrorismusbekämpfung auf. In seinem Dissertationsprojekt möchte er diesem Problem aus christlicher Perspektive nachgehen. Maßgeblich orientiert sich das Projekt am Leitbild des Gerechten Friedens, das sich in der christlichen Friedensethik erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Um erste Ansätze für eine christliche Ethik der Terrorismusbekämpfung zu entwickeln, will er sowohl kirchliche Dokumente als auch kohärente wissenschaftliche Terrorismusbekämpfungsansätze untersuchen und die Ergebnisse dieser beiden Analysen aufeinander beziehen.
 
Anna Goppel (Universität Tübingen) setzte sich mit konsequentialistischen Ansätzen zur Rechtfertigung von gezielter Tötung auseinander und stellte damit einen Aspekt ihrer Dissertation zum Thema “Gezielte Tötung von Terroristen. Eine Praxis, die sich rechtfertigen lässt?” zur Diskussion. Sie kam zu dem Ergebnis, dass für die meisten Formen der gezielten Tötung äußerst unklar ist, ob konsequentialistische Rechtfertigungsansätze überhaupt zu einer Rechtfertigung führen können, sowie dass die Bezugnahme auf Konsequenzen keine überzeugende Unterscheidung zwischen gerechtfertigter und ungerechtfertigter Tötung zu leisten vermag und damit auch für eine Beurteilung von gezielten Tötungen nicht ausschlaggebend sein kann. Vielmehr wies die Auseinandersetzung darauf hin, dass ein Ansatz, an dem auch gezielte Tötungen gemessen werden können, die Bezugnahme auf die Rechte der Beteiligten — Terroristen sowie mögliche Opfer eines terroristischen Anschlages — erfordert.
 
In seinem Vortrag “Der “Krieg gegen den Terror”: Geheimdienste und Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten” befasste sich Ali Fathollah-Nejad mit den Verstrickungen amerikanischer Geheimdienste in terroristische Aktivitäten im Nahen und Mittleren Osten. Als signifikantes Beispiel betrachtete er zunächst den 1953 unter Federführung des US-Geheimdienstes CIA erfolgten Putsch des demokratisch gewählten und als Terroristen bezeichneten iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh. Darüber hinaus argumentierte er anhand eines historischen Abrisses, dass Pakistans turbulente Geschichte seit den 1970er Jahren geprägt ist von immensem Einfluss amerikanischer Militär- und Geheimdienste, zumeist via des von der CIA ins Leben gerufenen pakistanischen Militärgeheimdienstes, der Inter-Intelligence Service (ISI). Eine zentrale Rolle sah der Vortrag in der Unterstützung von Extremisten, so die Rekrutierung Osama bin Ladens 1979, und im Aufbau einer Basis (arab. al-Qaeda) von ‚freiwilligen Kämpfern‘. Nun sei ein ‚Blowback‘ solcher Geheimdienstaktivitäten zu beobachten. Ausgehend von dieser Darstellung argumentierte Ali Fathollah-Nejad abschließend, dass das Unterbinden der Instrumentalisierung von Terroristen für die Durchsetzung ‚vitaler Interessen‘ des Westens schlussendlich die Voraussetzung für eine glaubwürdige Bekämpfung dieses exogenen Terrorismus ist.
 
Matthias Dahlke (HU Berlin) stellte sein Dissertationsprojekt zu staatlichen Reaktionen auf transnationalen Terrorismus im Westeuropa der frühen 1970er Jahre vor. Anhand von mehreren Fallbeispielen (Geiselnahmen) in Westdeutschland, Österreich und den Niederlanden untersucht er, wie sich Terrorismus zu einem politischen Handlungsfeld entwickelte, Krisenreaktionsstrukturen angepasst und transnationale Erfahrungen auf staatlicher Ebene umgesetzt wurden. Unter anderem erläuterte er, dass die zunehmende politische Wahrnehmung terrroristischer Ereignisse, bei denen transnationale Gruppen als „blinder Fleck“ bezeichnet werden könnten, einen entscheidenden Anteil an der Entwicklung hin zur „Unsicherheitsgesellschaft“ der späten 70er Jahre gehabt hätten.
 
Abschließend stellte Nicole Burkhardt (Universität Kassel) ihr Dissertationsprojekt “Regionalkonflikte in Westeuropa – Der nordirische und der baskische Konflikt im Vergleich” vor. Ausgangspunkt des Projektes ist die Beobachtung, dass sich über Jahrzehnte hinweg und bis in das 21. Jahrhundert hinein sowohl der baskische als auch der nordirische Konflikt durch organisierte, politisch motivierte Gewalt manifestierten. Bis heute prägen beide Konflikte deutlich die gesellschaftliche, politische und ökonomische Realität beider Regionen sowie deren Beziehungen zu den jeweiligen Staatsorganen und stellen darüber hinaus die friedenssichernde Funktionsfähigkeit der EU nach innen in Frage. Seitdem es in jüngster Zeit im nordirischen „Friedensprozess“ gelungen ist, die dortige Gewalt einzudämmen, wird diesem von verschiedenen Seiten Vorbildcharakter insbesondere für den Umgang mit dem baskischen Konflikt bescheinigt. Hier stellt Nicole Burkhardt die Frage, ob sich Konfliktregulierungsmodelle tatsächlich übertragen lassen. Mittels einer systematisch-komparatistischen Studie geht sie dieser Frage hinsichtlich der beiden letzten mit Gewalt ausgetragenen Regionalkonflikte Westeuropas nach. Ziel ist es, am Beispiel dieser beiden Fälle eine Antwort darauf zu finden, ob Konflikte sowie entsprechende Regulierungsmechanismen Kausalzusammenhänge aufweisen, mit deren Hilfe Aussagen über die Übertragbarkeit von erfolgreichen Regulierungsmodellen ableitbar sind.
Copyright © Netzwerk Terrorismusforschung e. V. (NTF) Berlin Frontier Theme
Translate »